Pickel steht auf (1)

Veröffentlicht: 25. Mai 2013 von roger in romatische Jugendprosa

Pickel hatte Angst. Eigentlich war das zu seinem ersten Ich geworden. Er sammelte Zeitungsartikel über jugendliche Amokläufer, wenn mal was bekannt wurde, und dann dachte er, die sind so wie ich, aber die ziehen es wenigstens durch bis zum Schluss. Selbst dazu fehlt mir der Mumm.
Nein, Pickel, der laut Ausweis Benjamin Brandlochner hieß, aber seitdem seine Familie in die Nähe Berlins gezogen war, von allen nur Pickel gerufen wurde, hatte keine Ahnung, was im Kopf so eines Amokläufers vor sich ging. Er malte sich nur aus, was wohl in seinem Kopf vorgehen würde, wäre er einer. Einmal hätten ihn alle zur Kenntnis nehmen müssen. Sie hätten ihn gefürchtet. Das war fast so gut, wie geachtet zu werden. Er wusste schon nicht mehr, wie es angefangen hatte. Hatte er am ersten Schultag etwas Verkehrtes gesagt? War es sein Dialekt gewesen, den die anderen bayrisch nannten, obwohl er doch aus Stuttgart kam? Anfangs hatte er sich noch gewehrt. Dann aber hatte er immer mehr vorausgesetzt, dass man ihn ablehnte.
Richtig schlimm wurde es erst, als er sich für Mädchen zu interessieren begann. Das konnte ja nicht gut gehen: Man, also Mann, interessierte sich zwar für Mädchen, war sich aber sicher, dass die sich nicht für ihn interessierten, und wahrscheinlich war er von Natur aus, wenn es denn so etwas gab, sowieso schon ein schüchterner Einzelgänger.
Ihm gelang es einfach nicht, zu einem Mädchen Blickkontakt aufzunehmen. Irgendwie versuchte er es zwar, aber immer so, dass das Mädchengesicht ein Lächeln überzog, für das es in Pickels Logik nur eine Erklärung gab: Sie lachte ihn aus. Worüber sie wirklich lachte und ob überhaupt, spielte überhaupt keine Rolle.
Natürlich hatte Pickel entschieden, dass er kein Boxershortstyp sein konnte. Er schwamm schlechter als die meisten anderen Jungen, er trug keine Merkmale übergroßer Männlichkeit unter der Alltagskleidung. Schlicht gesagt: Hätte er denn eine Clique angehört, hätte er darin keine positive Rolle gespielt. Da er keiner angehörte, war die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass er an einem der Strände in der Nähe der Siedlung gehänselt werden würde. Meinte er.

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